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SUPRAMARKT
Selbstversorgung ... gegenseitige Hilfe ... Teilen lernen: wie reagieren wir auf die Krise?

Ein Wochenende mit Gesprächen, Projektvorstellungen, kochen, essen und Strategien entwickeln für gemeinsames Handeln

Am Elbdeich 17, 19309 Unbesandten/Brandenburg/Deutschland
22. bis 24. Mai 2015


Wer lädt ein?
BBM e.V., gemeinnütziger Verein zur Pflege von Kunst und Kultur der
Kontakt: Olaf Arndt: olaf@bbm.de oder Cecilia Wee: cecilia@ceciliawee.com


Supramarkt wird gefördert durch den Fonds Neue Länder der

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und das EACEA program for culture and education Brussels
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Das Projekt SUPRAMARKT

Vom 22.-24.5.2015 treffen sich Nachbarn der Lenzerwische, Vertreter brandenburgischer Land-Kultur-Projekte und andere Experten aus ganz Europa auf dem ehemaligen Hof Heinecke am Elbdeich 17 in Unbesandten, um über die gesellschaftlichen Auswirkungen der Finanz- und Staatsschuldenkrisen der letzten Jahre und vor allem über Gegenmaßnahmen zu sprechen, die helfen könnten, die schlimmsten Folgen abzuwehren.

Programm
22. Mai 2015
12 Uhr Einführung
Wir brauchen ein neues „Gasthaus Geister“! Olaf Arndt, BBM e.V.
Grußworte (verlesen von Olaf Arndt)
Bio-Ökonomie? - Grußwort der Agrarexpertin und MdB Kirsten Tackmann, Prignitz
Grüße aus der Zukunft - Über das Entwicklen von Alternativen zu einer neoliberalen „Sparpolitik“
Andreas Karitzis, Leitungskomittee Syriza Athen

12.30 Uhr Projektpräsentationen
Erfahrungen, Chancen und Schwierigkeiten mit „LebensKunstprojekten“ auf dem Lande
- Miriam Wiesel und Axel Schmidt, Nachbarschaften - zwischen Mark und Markt http://www.kreuzbergersalon.de
- Christine Hoffmann, LandKunstLeben Steinhöfel Brandenburg
http://www.landkunstleben.de
und Netzwerk RUO Brandenburg, http://www.raumumordnung.net
- Europäische Kooperative Longo Mai, Hof Ulenkrughttp://www.prolongomai.ch/die-kooperativen/deutschland
- Open Source Ecology, Blievenstorf Mecklenburg
http://opensourceecology.de/
- Marco Clausen und Åsa Sonjasdotter, Prinzessinnengarten
http://prinzessinnengarten.net/
- Dr. Eckhardt Peters, Flurordnung in der Lenzerwische

17 Uhr „Bedarfsermittlung“
Was fehlt uns in der Lenzerwische? Kurzer Spaziergang zum ehem. Gasthaus Geister mit Gespräch über Allmende, Mangel, gegenseitige Hilfe und konkrete Projekte zur Verbesserung der leiblichen und geistigen Versorgung. Ermittlung des Bedarfs, um brachliegende Wirtschaftsgärten zu reaktivieren.

19 Uhr kochen essen gemeinsam handeln
mit Kantine Vrolena, Berlin
Wein: Solaris, Helios und Cuveé 2014 vom Baruther Weinberg

23. Mai 2015
10.30 Uhr Einführung
Cecilia Wee, London: how to fix it yourself – the anti-crisis toolbox (englisch mit Simultanübersetzung)

11 Uhr Projektpräsentationen ausländischer Gäste
- John Jordan, la r.O.n.c.e, Bretagne, Frankreich, http://www.vingtsixheures.fr/2014/05/11/r-o-n-c-e
- Jorgen Johansen, Sparsnas, Schweden, http://irenepublishing.com
- Penny Rimbaud, Dial House, Essex, Großbritannien, en.wikipedia.org/wiki/Dial_House,_Essex
- Elleflâne und Daniel Negro, Cooperativa Integral Catalana/XCTIT, Spanien, http://cooperativa.cat/en/

Fragestellungen:
„Gesellschaft vs. Gemeinschaft“ - wie können wir die Werte der Allmende stärken?
Sind unsere Bedürfnisse „über Gebühr aufgeblasen“ (Rimbaud)?
Können wir „radikales Schrumpfen“ (Jordan) wirklich leben?
Warum ist der Kapitalismus gegen die „gegenseitige Hilfe“ eingestellt?
Kann “Permakultur” als Gesellschaftsmodell fungieren?

19 Uhr kochen essen gemeinsam handeln
mit Kantine Vrolena, Berlin
Wein: Solaris, Helios und Cuveé 2014 vom Baruther Weinberg

24. Mai 2015
11 Uhr Vortrag
„building on common values“
keynote by very special guest Nicholas Anastasopoulos, School of Architecture, National Technical University of Athens, Greece and researcher for FLOK Society Ecuador

12 Uhr Matinee/round table
Selbstversorgung als praktische Kritik am Kapitalismus oder: wie re-politisieren wir die Krise?

Abschliessend
Repas de Prairial - Abschluß-Essen zu Themen des „Wiesenmonats“ Prairial aus dem französischen Revolutionskalender
Wein: Solaris, Helios und Cuveé 2014 vom Baruther Weinberg

Anhang
Das Treffen mit dem Titel „Supramarkt-Selbstversorgung...gegenseitige Hilfe...Teilen lernen: wie reagieren wir auf die Krise?“ beginnt Freitag im eigenen Garten und mündet in eine große Runde am Sonntag morgen zu den möglichen „glokalen“ Perspektiven, die also radikal regional gedacht und dennoch mit Blick auf das Globale entwickelt werden.

Das zentrale Thema ist der drohende Verlust von „Gemeinschaft“, also der Abbau der sog. Allmenden (das Kollektiveigentum, das in früheren Zeiten den Armen das Überleben sicherte), und der Kampf der EU gegen die Selbstversorgerwirtschaft, sowie der Mangel an Solidarität, der als Reaktion auf die Angst vor sozialem Abstieg zu verstehen ist und zu gewaltigen politischen Verwerfungen führt.

Es stellt sich die Frage, wie wir die Krise wieder politisieren können - wie wir, statt  nach Sündenböcken wie den Migranten oder Mitgliedern anderer Religionen zu suchen - unseren berechtigten Unmut über eine katastrophale und extrem brutale Finanzpolitik, die uns alle arm machen wird, an die richtige Adresse bringen.

Das Wochende mit Gesprächen, gemeinsam kochen und essen, soll ein Startsignal geben für eine neue Kultur gegenseitiger Hilfe:
nur durch gemeinsames Handeln werden wir in der Lage sein, ein fatales, übermächtig erscheinendes System daran zu hindern, uns vieles von dem zu nehmen, was das Leben lebenswert macht.

Symbolisch soll hierzu eine Allmende in der Prignitz eingerichtet werden:
auf dem Gelände des Kulturvereins BBM e.V. sollen in den kommenden Jahren ein Gemeinschaftsbackhaus mit Räucherstube und ein Permakulturversuchfeld als Waldgarten entstehen, und es sollen symbolisch zwei verlorene Orte der Gemeinschaft in der Lenzerwische wieder belebt werden: das Gasthaus Geister am Elbdeich, das 1987 abgerissen wurde, und die Wootzer Hütte, traditionell im Sommer ein Ort der Begegnung in den Wiesen, der aber der Umstrukturierung der Landwirtschaft zum Opfer gefallen ist.

Die Veranstaltung endet am Sonntag mit einem Essen zu Themen des „Wiesenmonats“ Prairial aus dem französischen Revolutionskalender: als Zeichen, das das Projekt der Aufklärung vielleicht noch nicht ganz verloren ist.

Die zentralen Fragen
An diesem Wochenende sollen unter dem Titel „Supramarkt“ die Auswirkungen des Finanzkapitalismus auf unser tägliches Leben untersucht werden:
Wie können wir künftig mit noch weniger Geld auskommen? Wie werden wir unsere Lebensqualität sichern? Welche Vorteile bietet dabei das Dorf, das Leben auf dem Lande?

Das Treffen hat einen konkret-utopischen Ansatz: Wie entwickeln wir erfolgreich Strategien des Widerstands gegen eine als „falsch“, aber zugleich auch als „übermächtig“ empfundene Politik?
Was bedeutet „Teilen“ und „Handeln“, wenn dies nicht nach den gängigen Regeln des Marktes geschieht? Kann man das System „überwinden“ und nach eigenen Regeln existieren - und wenn ja, was gewinnt und was verliert man dabei?
Mit anderen Worten: Wo ist unser Markt (nicht der Markt der Kapitalisten).

Der „andere“ Markt
„Subsistenz“ ist eine seit vielen Hundert Jahren in schwierigen wirtschaftlichen Situationen immer wieder kehrende Antwort auf das von zyklischen, planmässigen Zusammenbrüchen bestimmte Macht-System, das mit seinen Krisen (oder Kriegen) die Pfründe umverteilt.
Das Umverteilen gelingt „in der Krise“ viel umstandloser, als das zu Zeiten von Frieden und Wohlstand möglich wäre. Weit verbreitete Ängste vor noch schlimmerem Abstieg erleichtern die Zustimmung der Bevölkerung zu Umstrukturierungsmassnahmen, denen normalerweise berechtigter Widerstand entgegen gesetzt würde. Insofern hängen „Krise“ und unsere Rechte enger zusammen, als dies unmittelbar einleuchten mag.

Bei „Subsistenz“ geht es um die Grundbedürfnisse. Doch es geht nicht allein um Essen, Kleidung, Wohnung, nicht nur um reines Überleben, es geht auch um Fürsorge und Geselligkeit, um die Solidarität und Lebensqualität. Aus Gemeinsamkeit entsteht Stärke und das Gefühl von Sicherheit.

Das Wort „subsistenzia“ wird mit  „Bestand“, „Selbständigkeit“ übersetzt. Es leitet sich von (lateinisch) subsisto ab, das „innehalten“, „stillstehen“ „zurückbleiben“ bedeutet, aber auch „Aufhören“ und „Widerstand leisten“. Das alles zusammen umschreibt ganz treffend die Bandbreite der Themen, die wir an diesem Wochenende besprechen wollen.

Alles billig - aber wir haben kein Geld: was tun?
Subsistenz beschreibt ein selbstorganisiertes, man möchte sagen: „subversives“ Versorgungssystem, das von Natur aus einer Ideologie entgegengesetzt ist, die ihre Märkte mit „billiger Natur, billiger Arbeitskraft und billigem Essen“ (Jason Moore, Das Kapitalozän, Manuskript 2015, siehe Anhang) füttert.

Subsistenz ist immer zuerst das Gegenteil von Wachstum. Sie widersetzt sich dem tödlichen Kreislauf ständig zunehmender Größe. Insofern ist es kein Zufall, das Subsistenz und subversiv die gleiche Vorsilbe haben: was da „von unten“, also nicht aus der Spitze der Machtpyramide heraus entwickelt oder „umgeschichtet“ wird, empfindet man „oben“ als „zersetzend“ und umstürzlerisch, während es an der Basis als die nötige „Umkehr“ (so die  Grundbedeutung des Wortes) gilt. Subsistenz spricht daher stets auch vom „rechten Mass“, von der passenden Größe, die wir menschen überschauen, bewältigen und verantworten können.

Die geradezu brutale Energie, mit der die EU-Kommissare gegen die Subsistenzbauern beispielsweise in Rumänien kämpfen und sie durch Kredite und Zusammenschlußverfügungen von der relativen Sicherheit in die Unsicherheit der Schulden bringen, zeigt das große Potenzial praktischer Kritik am System, das in der Subsistenzwirtschaft steckt.
Die Vertreter der EU scheinen zu befürchten, daß sie bei Duldung einer nicht marktkonformen Landwirtschaft damit möglicherweise einen positiven Präzedenzfall schaffen könnten in gerade jenen Ländern, die durch die fatale Finanzpolitik am stärksten destabilisiert wurden.
Wikipedia fasst diesen Umstand unter dem Stichwort „Subsistenzwirtschaft“ unmissverständlich zusammen: „Die moderne Wirtschaftsideologie basiert auf Profit, Konsum und Wachstum, so dass Subsistenzler fast schon als Systemgegner betrachtet werden.“

Die (Wieder-)Eroberung der Gemeinsamkeiten
Gleichzeitig erinnern wiederentdeckte Konzepte wie Selbstversorgung und Eigenbedarfsdeckung an viele andere verloren gegangene „Gemeinsamkeiten“:
an die Rechte, die aus der Armut entstanden und bereits im frühen Mittelalter festgeschrieben wurden:
- das Recht, keine Steuern zahlen zu müssen, wenn man nur Selbstversorger ist. Dies ist auch der Grund, warum Selbstversorgung oft abfällig als „Schattenwirtschaft“ bezeichnet und in einem Atemzug mit Schwarzarbeit genannt wird
- das Recht, aus dem Wald kostenlos Bau- und Feuerholz zu holen, wobei dies nicht nur für den Gemeindewald gilt, sondern auch für ungenutzten Privatbesitz

Heute, in Zeiten von „landgrabbing“ und Ausverkauf selbst jener Resourcen tief in der Erde unter dem Ackerboden, ist die Allmende geradezu der Feind der Wirtschaft.
Die „gemeine Mark“ oder, wie sie in Nordwestdeutschland hieß: die „Gemeinheit“, bezeichnete das genaue Gegenteil von Privateigentum, nämlich das Eigentum von Vielen. Allein von daher erklärt sich, warum über die letzten 800 Jahre solche Rechte wieder verschwunden sind.

Müssen wir diese Rechte zurück gewinnen, um zu überleben?
Können wir das? Mit welchem Widerstand müssen wir rechnen?


Wie handelt man auf dem „Supramarkt“?
Die Vorsilbe „supra“ im Titel ist vom lateinischen Wort für „jenseits“ abgeleitet. Sie deutet in Richtung auf die Möglichkeit, eine andere Welt entstehen zu lassen im Zeitalter des Kapitals, dem sogenannten „Kapitalozän“.
Zudem versuchen die Veranstalter an diesem Wochenende die dringende Notwendigkeit zu formulieren, die derzeitige Krise zu re-politisieren. Entweder wir gehen unter oder wir schaffen es jetzt, erfolgreich Strategien gegen die angeblich „kreativen“ Vernichtungszyklen des Kapitals (so der Ökonom Joseph Schumpeter) zu implementieren.

Ziel ist es, die TeilnehmerInnen und darüber hinaus alle Menschen zu ermutigen, Maßnahmen zu ergreifen, um die strukturelle Gewalt des Finanzkapitalismus zu brechen: durch  Einsicht in seine Funktionsmechanismen. Um dies erfolgreich tun zu können, haben wir Menschen mit einem „glokalen“ -Ansatz (global und lokal zugleich) eingeladen, weil wir glauben, dass der Wandel nur durch eine „Vielheit“ zustande kommt.


Programmstruktur
Das Treffen startet mit einem ersten Tag, an dem die deutschsprachigen Teilnehmer aus Lenzerwische, Brandenburg und aus anderen Landesteilen zu Wort kommen.

Ziel des Tages ist, einen Überblick über bestehende Projekte in Deutschland (Schwerpunkt Neue Bundesländer) zu erhalten, die sich unter der Leitung von Künstlern um eine neue Form von Lebenskultur auf dem Land bemühen.

Hierbei interessiert die Veranstalter auch, dass seit einigen Jahren ein neuer Typus auf dem Land erscheint, den die aktuelle Theorie als „rurban“ (rural+urban, ländlich + städtisch) bezeichnet:
ein ehemaliger Städter, der sich mit seinen Ideen und Projektionen über das „Landleben“ zuerst einmal mit den Bewohnern der ländlichen Gebiete verständigen muss, um heraus zu finden, wo ein gemeinsamer Weg entlang führen könnte.

Der zweite Tag findet in englisch statt, weil viele nicht deutschsprachige Teilnehmer erwartet werden. Hier ist für die deutschen Teilnehmer Simultanübersetzung geplant.
Ein kurzer dritter Tag mit einer Matinee-Diskussionsrunde (Simultanübersetzung) beschäftigt sich mit den politischen Rahmenbedingungen und Strategien für einen erfolgreichen Widerstand und den Aufbau von Resilienz.

Darüber hinaus ist es ein langfristiges Ziel der Veranstalter, ein Netzwerk von Künstler-Aktivisten, die zu bedeutenden Teilen außerhalb der europäischen Metropolen arbeiten, aufzubauen. Dieses Treffen ist der Anfang. Mal sehen, wo wir innerhalb von 5-10 Jahren landen.

Zuhören - eine fast verbessene „rurbane“ Kulturtechnik
Das Treffen dient der Integration der antagonistischen Prinzipien von Land und Metropole. Eine Technik, mit der dieses Ziel erreicht werden kann, ist das „Abschauen“, das wechselseitige Beobachten, Zuhören und Verstehen.
- Was können wir voneinander lernen?
- Wie das Gelernte praktisch anwenden?
- Wie können wir früher selbstverständliche Solidarität wieder vitalisieren, die fast völlig verschwunden ist als Folge davon, dass Menschen heute zunehmend als „Konsumenten“ behandelt werden?
- Wie können wir Gemeinsamkeiten wieder etablieren, das Öffnen, Geben, Teilen erlernen als Prinzip des Widerstands gegen eine umfassende Monetarisierung aller Verhältnisse, unter denen nichts mehr geschieht, ohne dass zuvor der Geldwert festgesetzt wurde?

Die „subversive Denkfabrik“ & ihre Allmende
Um uns intensiv solchen Fragen im Rahmen langfristig laufender Recherchen und Projekte widmen zu können, haben wir, eine Non-Profit-Organisation von Künstlern, vor drei Jahren mit der Renovierung eines verlassenen Bauernhof in Brandenburg am Ufer der Elbe begonnen.

Das Ziel dieses Projektes ist es, den ehemaligen landwirtschaftlichen Betrieb mit vier Gebäuden in eine „subversiven Denkfabrik“ umzubauen, wo Menschen gemeinsam Strategien erforschen, um erfolgreich die fatalen Kräfte der Kapitalozän (siehe Anhang) zu „fracken“ (anzubohren), um die dabei gewonnene Energie in ein Vorhaben zu investieren, das sich der Resilienz widmet: der Entwicklung der Fähigkeit angesichts von bestehenden ökologischen (Zer-)Störungen die grundlegende und von uns als schön empfundene Organisationsweise der Natur und die mit ihr kompatiblen Kulturtechniken zu erhalten oder wo nötig wiederzubeleben, anstatt in einen qualitativ anderen Systemzustand mit unbekannten Folgen überzugehen.

Auf der Suche nach einem Namen für diesen Ort sind wir auf einen leeren Bauplatz wenige Meter von der Adresse Unbesandten 17 gestoßen: hier stand bis kurz vor der „Wende“ das Gasthaus Geister. Nachdem der Besitzer Artur Geister schon in den 50er Jahren den in der Region beliebten Ort wegen systemkritischer Äußerungen kurzfristig verlassen musste, riss die „Stasi“ das Gebäude schlußendlich ganz ab - angeblich weil es die Republikflucht begünstigte -  und nahm damit der Gegend auf lange Zeit den Versammlungsort. Diesem Mangel wollen wir nun abhelfen, indem wir eines unserer 4 Gebäude, ein sog. Niederdeutsches Hallenhaus von fast 30 m Länge, zum wiedererweckten Gasthaus Geister erklären, mit einem Saal für versammlungen und 2 Studierzimmern mit einem Archiv und das Land davor am Deich zur Allmende machen.

Das Konzept Gasthaus Geister steht dabei für uns symbolisch für den Widerstand gegen den Weg in die falsche Richtung (Totalitarismus, industrielle Landwirtschaft).

Das neue Gasthaus Geister, symbolisch wieder erweckt 300 Meter von seinem ursprünglichen Platz entfernt, und die Wiesen und Gärten, die nun zu ihm gehören, verstehen sich als Prüfstand für Subsistenzwirtschaft und Selbstorganisation -  jedoch eher als Vorbild oder Modell, als „Plattform für den Wandel“, anstatt das hier versucht werden soll, ernsthaft eine solide Versorgung mit Nahrungsmitteln auf die Beine zu stellen. Dies ist nicht ausgeschlossen. Das Hauptziel der Arbeit liegt jedoch eher im analytischen und diskursiven Bereich.

So erklärt sich nun schließlich, warum unsere „Denkfabrik“ sich als „subversiv“ betrachtet: Jeder ordentliche „think tank“ möchte gern auf Politik und bestehende Macht-Verhältnisse Einfluß nehmen. Eine stillschweigend zugrundeliegende Übereinkunft dabei ist, dass diese Arbeit gegen Geld erledigt wird innerhalb eines Systems, das alle Verhältnisse über ihren Geldwert definiert und dass die Arbeit der Denkfabrik letztlich der Optimierung des ökonomischen Ertrages dient.

Subversiv wird die Denkfabrik, wenn sie diesen Konsens verweigert und statt bestehende Macht-Verhältnisse ideenreich zu stützen, Hierarchien, die Ausbeutung bestimmter Gruppen und Resourcen, sowie Macht- und Kapitalkonzentration grundsätzlich in Frage stellt.


Glokales Netzwerk
Wir haben für die Arbeit Mittel aus dem Fonds Neue Länder erhalten, der sich der Förderung der selbstorganisierten soziokulturelle Aktivitäten mit Fokus auf ehemalige ostdeutsche Kultur widmet.

Diese Mittel paaren sich mit EACEA (EU Kultur 2007) Mitteln aus einem Projekt namens
ENQuETE Art = „Experimental Nonpartisan Questioning of Enduring Technologies in Economy“
zu deutsch: Experimentelles Ermittlungsverfahren zur Entwicklung einer krisensicheren Ökonomie

Neben dem regionalen Schwerpunkt sind wir besonders daran interessiert, Projekte aus Griechenland, Spanien, Rumänien, Bulgarien, Italien, Albanien, Portugal, Schweden einzuladen und Erfahrungen auszutauschen.


Krise, Kropotkin und das Kapitalozän
Als Leitfaden für beide Tage dienen zwei Texte von Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, die in vielerlei Hinsicht wegweisend sind: 1898 erschien Landwirtschaft, Industrie und Handwerk, 1902  Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt.
Der russische Geograph, Ökonom, Zoologe, Evolutionstheoretiker, Philosoph, Aktivist und  Anarchist Kropotkin überwand den modischen Individualanarchismus seiner Zeit und fand mit diesen beiden Werken zu einer Theorie der „kleinen Gruppe auf dem Land“, die durch Netzwerke der Kommunikation und Elektrizität so mit der Großstadt verbunden sind, dass weder ein technischer Nachteil noch ein Wissensrückstand durch das Leben und Arbeiten auf dem Lande entsteht, das also jedes Stadt-Land Gefälle ausschließt. Diese, wie man heute sagen würde, „Medien“ verhindern nach Kropotkin die Isolierung und das kulturelle wie ökonomische Niveau zieht mit dem der großen Stadt und ihrer Industrie gleich. Der Anarchismus verhindert dann, dass die Netzwerke dieser Medien eine zentrale Kontrolle installieren.
Bei der Diskussion der vorgestellten Projekte, ihrer Chancen und Grenzen, sollte stets die Frage auftauchen, inwieweit die Vision von Kropotkin vielleicht doch Realität geworden ist und wo dies deutlich nicht zutrifft, die Gründe zu benennen. In der Diskussion sollte es im Kern darum gehen, die aktuellen, zyklisch wiederkehrenden Krisen zu politisieren, das heißt nach der richtigen Adresse für die Kritik zu suchen: wo muss etwas anders gedacht oder geändert werden, um aus dem Kreis einer vielschichtigen Krisenstruktur heraus zu kommen. Die Krise ist zwar als Finanz- oder Geldkrise  am deutlichsten sichtbar. Die Krise spielt sich aber konkret ab bei Nahrungsmitteln, Energieversorgung, im Gesundheitsbereich. Ein marodes Rechtsverständnis legitimiert all diese Ausbeutungs- und Vernichtungsstrukturen und begegnet Widerstand mit einer Durchmilitarisierung des Alltags.

Der Spur der Veränderung gemeinschaftlicher Bindungen und natürlicher Lebensverhältnissse kann man gut folgen, wenn man sich ansieht, welchen Weg das Kapital nimmt. Wohin es verschoben wird von seinen Besitzern, erodiert es die Verhältnisse. Deswegen schlägt der Soziologe Jason W. Moore vor, unser Zeitalter nicht Anthropozän, das Zeitalter des Menschen, zu nennen, also nicht so zu tun als würde „der Mensch“ das Klima zerstören, den Boden und das Wasser verseuchen und die Luft verpesten, und dabei die Massen in Armut, Hunger und Krankheit zwingen. Sein Vorschlag lautet, unsere Zeit das Kapitalozän, Zeitalter des Kapitals, zu nennen. Nicht der Mensch an sich löst Krisen aus, sondern derjenige Mensch, der über Kapital verfügt und dessen Bewegung steuert.
Auf die Umbenennung folgt nun unsere „Ermächtigung“: denn das Kapital ist von Menschen gemacht und was es tut, was wir nicht wollen, können wir Menschen auch wieder ändern.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Blick in einen anderen Text, Ernst Fuhrmanns „Geld - Eine analytische Betrachtung“, geschrieben unter dem Eindruck der großen Krise 1929.
Es geht um den „Standardmann“. Fuhrmann meint damit den Bauern der vorindustriellen Landwirtschaft, den Mann, der einige Hektar bearbeitet und seine Familie und eine Handvoll Städter, Arbeiter, Lehrer, Verwaltungsbeamte, Fabrikbesitzer, Bankiers mit ernährt.
Der Standardmann ist die Grundrechengröße für Fuhrmann. Er ist die 1 in einem System, die alle(s) andere(n) zu Null werden läßt, wenn er in die Krise gerät. Fuhrmann versucht eine grundsätzliche, statistisch begründete Erdung im letzten Augenblick vor dem gigantischen Zusammenbruch der Wirtschaft.

Was wäre heute, mehr als 80 Jahre später, anders, wenn wir uns der gleichen Frage stellten? Womit füllen wir unsere schicken „nachhaltigen“ Solarkochtöpfe, wenn der Bauer aufgibt, weil sich das Inkassobüro der Bank in die GPS-Navigation seines auf Pump besorgten Treckers einloggt und ihn vom Feld fährt? Wenn die Flugzeuge des Konzerns, der das Saatgut liefert, die unbezahlten Ähren chemisch löschen? Wo ist die Grenze, an der das Kapital seinem Zorn Einhalt gebietet?





Legende
Supramarkt: kein Schreibfehler, soll heißen: „jenseits des Marktes, wie wir ihn kennen“
Subsistenz: Selbstversorgerwirtschaft
rurban: neudeutsch für „urban + rural/städtisch + ländlich“
glokal: neudeutsch für „global + lokal“
Kapitalozän: neudeutsch für „das Zeitalter, in dem alles vom Kapital bestimmt wird“
Kropotkin: russischer Geograph, Ökonom, Zoologe, Evolutionstheoretiker, Philosoph, Aktivist und  Anarchist
Allmende: gesellschaftliches Eigentum